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12. März – 22. Mai 2016

Philippe Van Snick

Der Grazer Kunstverein feiert sein 30-jähriges Bestehen und beginnt sein Jubiläumsprogramm mit einer großen Einzelausstellung des belgischen Künstlers Philippe Van Snick (geb. 1946, Gent) als Fortsetzung seiner Erkundung des Begriffes der sozialen Abstraktion. Die Ausstellung erfasst fast fünf Jahrzehnte und spürt Entwicklungen im äußerst konsistenten Werkkorpus des Künstlers nach, der am besten für seinen post-minimalistischen Ansatz zur Malerei bekannt ist. Die Ausstellung ist die erste Präsentation des Künstlers in Österreich.

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Philippe Van Snick
„Instability of Fundamentals“, 1990
Holz, Lackfarbe und Gerüste
Courtesy des Künstlers und Tatjana Pieters

In den 1970er-Jahren entwickelte Van Snick ein Interesse an systematischen Methodologien, die ihn dazu bringen, ein konsistentes System aus Farben und Zahlen zu formulieren. Aus diesem System entwickelte er in den folgenden Jahrzehnten einen konstanten Werkkorpus. Für den Künstler sind sowohl Licht wie Farbe wissenschaftliche, objektive Beschreibungen wie auch subjektive Codes, die von unserer Alltagserfahrung inspiriert sind. Er untersucht das Konzept von Zeit, besonders den Dualismus zwischen Tag und Nacht und die Helligkeit und Dunkelheit, die ihr Vergehen bezeichnen, immer wieder in Arbeiten, die die experimentelle Beziehung zwischen dem Betrachtenden und seiner/ihrer Umwelt ins Zentrum rücken. Verortet im Bereich zwischen Malerei und Skulptur, invoziert die Arbeit des Künstlers die wichtigsten Problemstellungen des Modernismus dadurch, dass sie die Autonomie des Kunstwerks und die geometrische Abstraktion als universelle Sprache hinterfragt.

Die frühen konzeptuellen Fotografie- und Filmarbeiten Van Snicks bilden das Rückgrat der Ausstellung, in der Alltagsbeobachtungen abstrahiert und formalisiert werden. Durch frühe Studien und Explorationen in Form, Raum und Dynamiken entwickelt sich die Ausstellung hin zu Van Snicks tiefgreifender Beschäftigung mit Kosmologie und den Rhythmen des Alltags durch Farbe und Formen, beginnend Mitte der 1980er-Jahre. Die großformatige Installation Instability of Fundamentals (1990) nimmt einen der Haupträume der Galerie ein und fungiert als eine skulpturale Repräsentation der Serie Asymmetrische Dag en Nachtreeks (1987–1989). 1984 begann der Künstler, mit der Dualität des Phänomens „Tag“ und „Nacht“ zu arbeiten, die er symbolisch durch ein helles Blau und ein schwarzes Rechteck darstellte, die immer zusammen auftreten. Seit dieser Zeit entstand eine wichtige Werkserie, bei der eine reduzierte Realität die Fundamente des täglichen Lebens durch Abstraktion hervorhebt. Die Arbeit Instability of Fundamentals führt diese Vorstellung noch weiter, indem durch eine ständige Neuanordnung einzelner Partikel über Kosmologie reflektiert wird. Das Interesse Van Snicks an der Beziehung zwischen Größe, Volumen und den Betrachtenden wird schließlich mit einer Serie wie Territorium (1990), Punt (1992) und Groot Vertikaal (1999) ins Zentrum gerückt, die durch eine einfache Form das menschliche Maß und die Wahrnehmung symbolisieren. Die frühere Arbeit Indifférence orbitale (1979) nimmt den größten Teil der hinteren Galerie ein und besteht aus einhundert Gouache-Malereien auf Papier, die Rauten in unterschiedlichen Farben und verlängert zu verschiedenen Konfigurationen abbilden; diese Formen stammen aus einer fotografischen Serie, die die Hinterseite eines teilweise durch ein bunt gefärbtes Blatt bedeckten Hauses zeigen. Dieses streckt sich ähnlich einer Markise über das Haus und gilt als Modell für die Gouachen.

Philippe Van Snicks Solo-Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit De Hallen Haarlem (NL) co-organisiert, wo derzeit eine ergänzende Präsentation seiner Arbeiten zu sehen ist (16. Januar – 16. Mai 2016). Aus Anlass dieser Ausstellungen hat Van Snick eine Künstleredition erstellt, die für 50,– Euro bei beiden Institutionen erhältlich ist.

Die Ausstellung von Philippe Van Snick in De Hallen Haarlem und im Grazer Kunstverein wird großzügigerweise von Flanders Agency for Arts and Heritage unterstützt.


The Members Library* präsentiert

Philippe Van Snick – Studien

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Philippe Van Snick
„Autoband“, 1971
16 Schwarz-Weiß-Fotografien auf hochglänzendem Barytpapier, Karton, Klebstoff
6 x (10 x 14 cm), Unikat
Courtesy des Künstlers und Tatjana Pieters


Als Einführung in die Ausstellung präsentiert The Members Library Philippe Van Snicks Notizbücher und Sketche, die seine Exploration in die Illusion „perfekter“ Formen wie Kreise und Formen, aber auch sein physisches Verständnis gefundener Alltagsroutinen oder Situationen veranschaulichen. 1970 publizierte er eine Definition der Ellipse, in der seine Faszination für dieses dynamische Phänomen deutlich wird. Er schreibt: „Die Ellipse ist ein konischer Bereich ohne (reale) Asymptoten und mit einer Exzentrizität von E = C : A < 1; im Fall C = E = O wird sie zu einem Kreis“. Um dieselbe Zeit entwickelte sich die Ellipse zu einer entscheidenden Form in verschiedenen Medien des Künstlers, also in Fotografie, Film oder Zeichnung. In den Notizbüchern von Van Snick ist zu sehen, wie er langsam einen Code entwickelt, um die Realität zu abstrahieren. Die Modelle in der Ausstellung sind in diesem Sinn Sketche, die Farbe und Form mit Größe und Volumen in Beziehung setzen.

*The Members Library wurde von der Künstlerin Céline Condorelli (geb. 1974, Frankeich) in Zusammenarbeit mit Harry Thaler als Dauerausstellung mit dem Titel „Things That Go Without Saying“ konstruiert und entworfen. Die für The Members Library gebaute Struktur ist Teil einer Serie mit dem Titel „Additionals“. Diese verschiedenen, requisitenartigen Objekte sind scheinbar funktionale Elemente und zwischen Möbeln und Architektur einzuordnen.


Ständig ausgestellt

Ian Wilson
1. Februar 2013 –

Die Arbeit des Künstlers Ian Wilson (geb. 1940, Südafrika) weist eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Selbstverständnis des Kunstvereins auf: Er will die Beziehung zwischen dem Gesehenen – oder Diskutierten – und der BetrachterIn erkunden und die Dringlichkeit dieser Interaktionen aufzeigen.

Wilson beschäftigt sich seit 1968 eingehend mit gesprochener Sprache als Kunstform. Er beschrieb seine Arbeiten als „mündliche Kommunikation“ und später als „Diskussion“. Auf Wilsons eigenen Wunsch wurde seine Arbeit nie gefilmt oder anders festgehalten, was die vergängliche Natur des gesprochenen Wortes bewahrte. Wilsons frühe künstlerische Explorationen fanden in völlig monochromen Umgebungen statt. Er war absorbiert von Fragen, die sich mit der Wahrnehmung und dem Gemälde beschäftigen. Die Arbeiten sind stark von den Innovationen der Minimal Art der späten 1950er- und 1960er-Jahre beeinflusst, mit ihrer Destillation der Malerei auf ungegenständliche Selbstreflexivität und ihrer Reduktion der Skulptur auf das reine Gerüst der industriell gefertigten, geometrischen Form ohne bestimmbaren metaphorischen Inhalt.

Wilsons letzte physische Objekte „Circle on the Floor“ und „Circle on the Wall“ entstanden zu Beginn des Jahres 1968. Bei der Produktion dieser Werke erkannte er, dass es zur Visualisierung eines Konzeptes nicht notwendig war, ein Objekt zu schaffen.

Um seine Bedeutung für das Programm zu unterstreichen, hat der Grazer Kunstverein dem Werk des Künstlers eine fortlaufende Einzelausstellung gewidmet. Die Präsentation zeigt unterschiedliche Werke aus verschiedenen Jahren, genauso wie auch die Dauerausstellung des beauftragten und erworbenen Werkes „Discussion“. Diese Diskussion über das reine Bewusstsein des Absoluten fand im Grazer Kunstverein am 4. Mai 2013 zwischen dem Künstler, dem damaligen Team und früheren DirektorInnen des Grazer Kunstvereins seit 1986 statt.

Ausgestellt 
„Discussion (Grazer Kunstverein)“, 2013
Schenkung von Stefan Stolitzka für die Sammlung des Grazer Kunstvereins.


The Peacock 
1. Februar 2013 –

Der Grazer Kunstverein setzt seine Untersuchung über sein Interieur fort, indem er (neue) Möbelstücke sowie Design, angewandte und dekorative Künste präsentiert, die ihre eigene Funktionalität analysieren. „The Peacock“, wie diese Nonstop- Gruppenausstellung betitelt ist, wird von der Vorstellung eines Period Rooms inspiriert, der einen Augenblick in der Zeit definiert, wie auch vom Tier, dem Pfau, selbst (engl. „peacock“), der inneren und nach außen getragenen Stolz repräsentiert. Eine Gruppe von KünstlerInnen wird eingeladen, Arbeiten beizutragen, welche den genutzten Raum des Grazer Kunstvereins mit Designstücken und konzeptuellen Interventionen weiterentwickeln. (Teile dieser) Arbeiten werden noch einmal neu in Erscheinung treten und in kommenden Einzelausstellungen mit anderen in einen Dialog gestellt. Auf diese Weise bilden sie Rückgrat und Interieur des Kunstvereins.

Ausgestellt 
12. März – 22. Mai 2016

Plamen Dejanov & Swetlana Heger*

Bekannt für ihre kollaborativen Projekte, die die Beziehungen zwischen Kunst und wirtschaftlichen Prozessen erforschen, erschienen Plamen Dejanoff und Swetlana Heger Mitte der 1990er-Jahre in der europäischen Kunstszene. Beide Künstler sehen ihre kollaborativen Arbeiten als „Gefäße“ für eine kritische Strategie. Ihr bedeutendstes gemeinsames Projekt war Quite Normal Luxury, 1999; diese Arbeit bestand im Großen und Ganzen aus einem Vertrag mit BMW, in dem das Künstlerduo die Präsentation der Marke gegen die Nutzung eines neuen Z3 Roadster eintauschte. Um zu einer neuen Form des Dialogs mit der Geschäftswelt zu gelangen, unterschrieben sie diesen exklusiven Vertrag mit der „kulturellen“ Sponsoring-Abteilung der internationalen Firmenzentrale von BMW, der festschrieb, das sie nur Kommunikationsmaterial nutzen durften, das der bayrische Autohersteller in seinen Ausstellungen und Publikationen verwendete. Im Gegenzug wurde ihnen ein Z3 Roadster als Arbeitsmittel übergeben und gleichzeitig zu einem tatsächlichen Teil ihrer Sammlung.

Nachdem sich die Wege des Künstlerduos getrennt hatten, änderte Dejanov seinen Namen zurück zu Dejanoff und entwickelt nun bereits seit vielen Jahren seine eigenen komplexen Projekte, die sich mit unserer Geschichte und historischem Erbe befassen.


Josh Faught
„Dale, Tony, Bob, and Henry“, 2015

Für den Eingang des Grazer Kunstvereins entwickelte Josh Faught (geb. 1979, Vereinigte Staaten) eine Bronzeplakette mit den Namen Dale, Tony, Bob, and Henry. Die Arbeit begann als Frage. Was kann es bedeuten, den häufig vorkommenden Eigennamen eines Amerikaners zu nennen? Wie könnte diese einfache Form der Aufforderung als ein Weg dienen, jemanden oder etwas sichtbar zu machen, und inwiefern existiert diese Arbeit als körperliches Surrogat? „Dale, Tony, Boy, and Henry“ existieren zusammen mit einer ganzen Reihe „benannter“ Arbeit und basieren auf dem Interesse des Künstlers an queerem Archivmaterial. In diesen Archiven finden sich immer wieder nebeneinander aufscheinende Männernamen, die gleichzeitig ein Mittel sind, Begehren in Form von „Tricklisten” zu erzeugen sowie eine Form des Gedenkens ähnlich dem NAMES-Projekt (AIDS Memorial Quilt) darstellen. Oder sie sollen einfach auf die einzigartige Weise, in der schwule Männer Intimität erzeugen und untereinander eine Verbindung herstellen, unterstützend wirken.

Courtesy des Künstlers, des Grazer Kunstvereins und der Galerie Lisa Cooley, New York


Liam Gillick*
„Discussion Island Dialogue Platform“, 1997

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Liam Gillick

„Discussion Island Dialogue Platform“, 1997

zwei Teile
Aluminiumeloxal, Plexiglas, Kabeln, Beschläge
Courtesy Galerie Esther Schipper

Liam Gillick verwendet multiple Formen, um die neuen ideologischen Kontrollsysteme zu offenbaren, die zu Beginn der 1990er-Jahre zu Tage traten. Er entwickelte mehrere zentrale Narrative, die dann immer wieder den Anlass für ein Werkkorpus bilden: McNamara (ab 1992), Erasmus is Late & Ibuka! (ab 1995), Discussion Island/Big Conference Center (ab 1997) und Construction of One (ab 2005). Gillicks Arbeit holt die dysfunktionalen Aspekte eines modernistischen Erbes im Hinblick auf Abstraktion und Architektur ans Licht, das innerhalb eines globalisierten, neo-liberalen Konsens entsteht. Seine Arbeit erweitert sich zu einem strukturellen Neudenken der Ausstellung als Form.

Im Grazer Kunstverein präsentiert Gillick eine doppelt geschichtete Plattform, die ursprünglich für die Ausstellung ENTERPRISE am ICA in Boston gestaltet wurde. Die Arbeit markiert einen Raum, in dem es möglich sein kann, das Potenzial des Dialogs neu zu denken.

Courtesy Esther Schipper


Nicolás Paris
„Portable Garden“, 2009–2013

Von einem architektonischen Hintergrund stammend greift Nicolás Paris (geb. 1977, Kolumbien) häufig auf pädagogische Strategien zurück, um Elemente der Zusammenarbeit, des Dialogs und des Austausches in seine Arbeit zu integrieren. Um Ereignisse und Orte zu entwickeln, die den Austausch von Reflexionen ermutigen, basiert Paris’ Arbeit auf dem Konzept, zwischen dem Aufbau dialogischer Environments und dem oder der BetrachterIn, dem Ausstellungsraum und den Institutionen zu vermitteln.
Paris’ „Portable Garden“ besteht aus einem grünen Buntstift, auf dem der Werktitel eingraviert ist. Mit dem Stift verzeichnet das Personal des Kunstvereins die Besucheranzahl während der Ausstellung.

Courtesy des Künstlers und der Galeria Luisa Strina, São Paulo


Will Stuart
„On the positioning of a replica of Michelangelo Pistoletto’s Struttura per parlare in piedi (Structure for talking while standing) 1965–66, from the series Oggetti in meno (Minus objects) reproduction“, 2012

An ausverhandelten Positionen präsentieren Will Stuart (Will Holder und Stuart Bailey) eine Nachbildung von Struttura per parlare in piedi, einer Arbeit von Michelangelo Pistoletto (geb. 1933, Italien), die zu seiner Serie von „Minus-Objekten“ gehört.

Die Arbeit wird von einer Bekanntmachung begleitet, welche die ursprünglichen Intentionen hinter der Arbeit wie auch die Frage untersucht, wie folgende Verhandlungen mit den verschiedenen Beteiligten den zweideutigen Zweck der Arbeit als Möbelstück (an das sich die Öffentlichkeit anlehnen kann) und Metapher (für Konversationspolitiken) reflektieren. Das Objekt ist ständiges Thema der Auseinandersetzung bei der Beschäftigung mit Raum und Funktion innerhalb des diskursiven Programms.

Michelangelo Pistolettos Werk wurde bereits 1988 im Grazer Kunstverein ausgestellt.

Courtesy die Künstler


*Neuzugänge